West Highland Way mit Aufstieg zum Ben Nevis

West Highland Way mit Aufstieg zum Ben Nevis

Es ist Mitte Juni an einem Sonntag Mittag als ich mit dem Zug aus Glasgow im Vorort Milngavie ankomme. Der Himmel ist bedeckt und für den Nachmittag ist Regen angekündigt. Es sind nur wenige Minuten zu Fuß vom Bahnhof in die Fußgängerzone zu meinem Ziel: dem Startpunkt des legendären West Highland Way.

Der West Highland Way ist Schottlands ältester und beliebtester Fernwanderweg. Er führt auf 154 Kilometern (96 Meilen) von den Lowlands in Milngavie (nahe Glasgow) am Loch Lomond (dem größten See in Schottland) vorbei, durch die atemberaubenden Highlands bis nach Fort William am Fuß des Ben Nevis (dem höchsten Berg in Großbritannien). Ich war 6 Tage (plus einen Tag für den Ben Nevis) unterwegs und möchte hier meine Eindrücke teilen 🙂

Tag 1

Der Startpunkt ist ein nicht zu übersehender Granit Obelisk mitten in der Fußgängerzone neben einem großen „Starttor“. Dahinter geht man an ein paar Metallplatten vorbei, die besondere Wegpunkte entlang des Weges mit der jeweiligen Entfernung zeigen.

Es ging noch ein kurzes Stück durch einen Park, dann führte der Weg an Schafsweiden vorbei. Leider auch für ein gutes Stück in der Nähe einer stark befahrenen Straße. Der erste Tag war nicht spektakulär, aber das war mir vorher schon bewusst. Das Beste kommt noch. Es ging weiter zum kleinen Ort Drymen. Der WHW führt eigentlich nur dran vorbei, aber es lohnt ein Abstecher in den Ort. Denn dort steht der älteste, lizensierte Pub von Großbritannien. Dort wollte ich einkehren, aber leider war kein einziger Platz mehr frei. Sonntag Abend halt. Also ging ich noch etwas weiter um mir einen Platz für die Nacht zu suchen. In einem kleinen Wald fand ich einen schönen Platz und war froh endlich im trockenen Zelt zu sitzen und mir mein Abendessen zu machen. In der Nacht schüttete es dann auch wie aus Eimern. Das Wetter war an diesem Tag typisch Schottisch.

Tag 2

Am Morgen sah die Welt schon anders aus, denn ich wurde nach einer erholsamen Nacht von der Sonne geweckt. Ich wollte mir wie jeden Morgen einen Kaffee machen, doch da gab es ein Problem… Ich hatte meinen Gaskocher mit Piezozündung (Campingmoon XD-2F *) etwas zu nah an der Zeltwand stehen, so das dieser durch Spritzwasser in der Nacht nass wurde. Die Piezozündung streikte und auch mehrfaches pusten sollte daran nichts ändern. Normalerweise habe ich immer ein kleines Feuerzeug dabei, denn aus Gründen wie diesen verlasse ich mich nie nur auf die Piezozündung des Kochers. Aber wegen dem Flug hatte ich das Feuerzeug nicht mit genommen und auch vergessen mir eins in Glasgow zu kaufen. Also viel der Kaffee aus.

Wenigstens sorgte der Blick auf den Wetterbericht für gute Laune, denn es sollte überwiegend trocken und sonnig bleiben. Ich baute mein Lager ab und machte mich auf den Weg in Richtung Loch Lomond. Aber davor führte der Weg noch über den Conic Hill, einem eher unscheinbaren Hügel dessen Aufstieg aber trotzdem anstrengend ist. Die Anstrengung wurde auf dem Gipfel mit einer schönen Aussicht über den Loch Lomond belohnt! Bei Nebel kann man sich den Aufstieg auch sparen und die Alternativroute um den Berg herum nehmen.

Am Fuß des Conic Hill liegt der Ort Balmaha am Ufer des Loch Lomond. Dort konnte ich zum Glück ein Feuerzeug in einem kleinen Laden kaufen. Außerdem gibt es gleich daneben ein Restaurant, aber dafür war es mir zu früh am Tag.

Ab Balmaha führt der WHW am Ufer des Loch Lomond entlang. Teilweise am Kiesstrand und über ein ganzes Stück auch über Singletrails mit so einigen anstrengenden Kletterpassagen. Ich hatte von diesem Abschnitt schon gehört, aber mir war nicht klar wie anstrengend das noch werden sollte…

Zwischen Balmaha und dem kleinen Ort Rowardennan braucht man zum Übernachten ein Camping Permit (ein Erlaubnisschein damit man in diesem geschützen Gebiet zelten darf. Außerhalb von besonders geschützten Gebieten ist das Wildcampen in Schottland auch ohne Permit in der freien Landschaft erlaubt). Dieses sollte man am besten Monate im vorraus auf www.lochlomond-trossachs.org buchen, denn die Zeltplätze sind schnell ausgebucht.

Leider habe ich zu spät davon erfahren und konnte kein Permit mehr buchen. Man kommt zwar an einem kleinen Campingplatz mit Rangerstation vorbei, wo man gegen eine Gebühr übernachten kann, aber ich kam dort viel zu früh an als das ich dort den Tag schon beenden wollte. Das bedeutete also das ich das geschützte Gebiet an einem Stück durchqueren musste, eine Strecke von 15km. Hört sich nicht so schlimm an und wäre auf einem normalen Wanderweg auch leicht zu schaffen. Doch der Uferpfad hatte so einige Kletterpassagen parat, teilweise sehr abenteuerlich. Am Ende habe ich für 26km 9,5 Stunden gebraucht.

Aber auch diese Anstrengung wurde belohnt und zwar mit einem traumhaften Zeltplatz direkt am Ufer. Mit Blick auf den See genoss ich mein Abendessen.

Tag 3

Der Tag begann gut, denn ich konnte mir ja jetzt auch Kaffee machen. Diesen genoss ich mit Blick auf den spiegelglatten See. Ich war erst an der Hälfte des Loch Lomond angekommen und der Uferpfad sollte noch weitere Kletterpassagen für mich bereit halten, so das ich wieder nur langsam vorran kam.

Außerdem machten sich nun auch die Midges bemerkbar. Midges sind winzige Insekten die zu tausenden über einen herfallen und einen mit ihren Bissen wahnsinnig machen können. Dagegen hilft nur lange Bekleidung und ein besonders feinmaschiges Mückennetz * über dem Kopf. So plötzlich wie sie auftauchen, so plötzlich sind sie auch wieder verschwunden wenn es windig wird oder regnet.

Nachdem ich den anstrengenden Uferpfad hinter mir gelassen habe, machte ich eine ausgiebige Pause auf einem großen Fels am Ufer und genoss die Sonne. Bis zum Ende des Loch Lomond war es nicht mehr weit. Ich kam an einigen Wasserfällen und an der Ruine eines alten Haus vorbei. Der Pfad führte nun in die höher gelegenen Regionen Schottlands. Am Ende des Tages fand ich wieder einen traumhaften Zeltplatz an einem kleinen Fluss.

Tag 4

Ab diesem Tag verlief der WHW auf den alten Militärstraßen früherer Jahrhunderte. Nicht so schön für die Füße, aber die Landschaft entschädigt jetzt jeden Tag für alle Anstrengungen. Die Highlands sind unfassbar schön! Ich genoss die ersten Kilometer bei Sonnenschein in vollen Zügen und kam wenig später am Halfway Point des WHW vorbei. Im Laufe des Tages sollte das Wetter wieder schottischer werden. Ein Spruch den man oft hört lautet: „wenn dir das Wetter nicht gefällt warte 10 Minuten, dann gibt es ein anderes Wetter“. Das da was dran ist sollte ich noch merken, denn an diesem Tag wechselten sich Sonne und Regen wirklich im 10 Minuten Takt ab. Und ich hatte noch Glück mit dem Wetter, denn ich befand mich laut einer Infotafel an einer Wetterstation in der nassesten Region von Großbritannien.

Es ging über Farmland mit Schafen und Highland Rindern an einem kleinen See vorbei in dem einer Legende nach Robert the Bruce, einst König von Schottland, sein Langschwert nach einer verlorenen Schlacht hinein geworfen haben soll.

Nach ein paar weiteren Kilometern erreichte ich den Ort Tyndrum. Dort kaufte ich mir eine Flasche des schottischen, nicht alkoholischen Nationalgetränks: Irn Bru. Das ist ein Softdrink den man in Schottland überall bekommt und sich wohl besser verkauft als Cola. Aber selbst ein Schotte konnte mir nicht beschreiben nach was das schmeckt. Es ist auf jeden Fall sehr lecker und es sollte auch nicht meine letzte Flasche davon sein. Außerdem gibt es in Tyndrum ein Lokal das sich auf die Fahne schreibt die besten Fish and Chips in UK zu machen. Ich wollte aber unbedingt mal das schottische Nationalgericht probieren: Haggis. Ich bestellte mir frittierte Haggis Scheiben mit Pommes. Die Konsistens ist ähnlich wie dem norddeutschen Labskaus, schmeckt aber ganz anders. Meins ist es jedenfalls nicht.

Es ging weiter auf der alten Militärstraße durch atemberaubende Landschaft. Im Ort Bridge of Orchy begegnete ich an der Brücke über den Fluss Orchy einem Hirsch. Er war in keinster Weise scheu und ließ sich von mir beim fressen nicht stören. Mir war in den letzten Tagen schon aufgefallen das die Wildtiere in Schottland viel weniger scheu als in Deutschland sind.

Am Ende des Tages fand ich wieder einen sehr schönen Zeltplatz an einer Ruine.

Tag 5

An diesem Tag zeigten sich die Highlands von ihrer wilden und rauen Seite. Es war merklich kühler als in den letzten Tagen, dazu non stop Nieselregen und Wind. Aber ich fand das nicht schlimm, denn so habe ich mir die Highlands immer vorgestellt. Ich kam an Orten vorbei die auch Kulisse für Der Herr der Ringe gewesen sein konnten. Vorbei am Kings House Hotel, weiter zwischen beeindruckenden Bergkulissen hindurch. Dieser Tag sollte nochmal richtig anstrengend werden, denn ich erreichte den Passübergang „Devil’s Staircase“. Hier windet sich der Weg über steile Serpentinen den Berg hinauf.

Im Ort Kinlochleven kam ich an einem kleinen Campingplatz vorbei und der sollte dann auch mein Platz für die Nacht sein. Ich brauchte unbedingt eine warme Dusche.

Tag 6

Auch am letzten Tag auf dem West Highland Way war das Wetter so rau wie die Landschaft. Ich glaube mit heiter Sonnenschein wäre es nur halb so schön gewesen, so verrückt das klingen mag. Ich kam an einer der meist fotografierten Ruinen am Weg vorbei und durch ganz viel wunderschöne Landschaft bis ich den Ben Nevis erreichte, dessen Gipfel durch dichte Wolken verborgen war. Und dann war auch schon Fort William in Sicht, der Endpunkt des West Highland Way. Als ich den Weg runter ins Tal ging, ließ ich die letzten Tage in meinem Kopf Revue passieren und muss gestehen das doch eine Träne des Glücks geflossen ist. Denn das war die schönste Tour die ich bisher gemacht habe!

Am Endpunkt in Fort William machte ich das obligatorische Selfie mit dem Bronze Mann auf der Bank und trank in der nahen Bar einen leckeren Cider. Dann machte ich mich auch schon auf den Weg zum Glen Nevis Campingplatz, auf dem ich noch ein paar Tage verbringen wollte um die Chance auf gutes Wetter für einen Aufstieg auf den Ben Nevis zu haben.

Aufstieg auf den Ben Nevis und Abreise

Der Wetterbericht kündigte am Abend für den nächsten Tag trockenes und sonniges Wetter für meinen Standort an. Also den Wecker gestellt um möglichst früh auf dem Weg zum Gipfel zu sein. Der Ben Nevis ist nur 200m höher als der Brocken im Harz, aber für einen Aufstieg zum Gipfel und zurück zum Besucherzentrum werden 6-9 Stunden angegeben. Ich habe das erst nicht so richtig ernst genommen, aber schon nach kurzer Zeit auf dem Pfad wurde mir klar wo die Zeit bleibt. Der Weg ist schon nach kurzer Zeit eine Geröll Hölle! Es ist unglaublich anstrengend über all die losen Steine zu laufen und dabei permanent konzentriert zu sein das man sich nicht verletzt. Aber auch hier entschädigen die spektakulären Aussichten für die Strapazen.

Leider lag der Gipfel auch an diesem Tag in den Wolken, aber ich wollte ihn unbedingt erreichen. An einer Stelle musste ich sogar ein Schneefeld überqueren. Mitte Juni! Auf dem Gipfel kam ich mir ein bisschen wie im Himalaya vor mit den steinernen Ruinen (ein ehemaliges Hotel) und dem Notunterschlupf. Der Wind war heftig und so bin ich nur zum Gipfelpunkt um mich dann auch gleich wieder auf den Rückweg zu machen. Was in der Nebelsuppe auf dem Gipfel nicht zu sehen war: weiter unten hatte es aufgeklart! Und so konnte ich noch einige Bilder von der spektakulären Landschaft machen. Übrigens halte ich den Abstieg für wesentlich gefährlicher als den Aufstieg. Auf dem losen Geröll kommt man leicht ins rutschen oder kann umknicken. Also immer volle Konzentration und aufpassen wo man hin tritt!

Zurück am Campingplatz gönnte ich mir ein Eis und ruhte mich in der Sonne aus. Am nächsten Tag habe ich noch ein bisschen Fort William erkundet und es mir am Abend mit gutem Essen und einem Glas Whisky aus der örtlichen Brennerei gut gehen lassen. Am nächsten Tag stand dann auch schon die Abreise an. Es ging mit dem Zug auf einer der schönsten Strecken von UK zurück nach Glasgow. Die letzten Bilder sind alle während der Zugfahrt entstanden.

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